RABENVÖGEL:

Intelligente Schönheiten - Mythos und Wahrheit

Alpendohle

 

Zierlich und kleiner als die Aaskrähe, hat die Alpendohle schwarzes, erglänzendes Gefieder, einen runden Kopf, einen kaum gekrümmten, nicht klobigen (eher amselähnlichen) gelben Schnabel. Die Beine sind rot. Im Flug wirkt der Kopf klein und zwischen den Schultern zurückgezogen, die Flügel breit, der oft gefächerte Schwanz lang. Jungvögel haben einen graugelben Schnabel und schwarzbraune Beine.

Länge und Gewicht

Etwa 38 cm. Das Männchen wiegt 230 bis 300, das Weibchen etwa 200 bis 265 Gramm.

Stimme

Im Schwarm fliegend werden sehr auffällige, helle, laut durchdringende Pfiffe wie „prri“, „tjiip“, „dchirr“ ausgestoßen. Neben weiteren, rollenden und schnarrenden Lauten wie „kürr“ und „kraah“ gibt es individuell verschiedene Kontaktrufe wie „wro“ oder „wrü“, an denen sich Paarpartner auf Distanz erkennen können. Der Gesang ist ein plaudernd-kratzendes Geschwätz.

Verbreitung

Die Alpendohle kommt in den Hochgebirgen Nordwestafrikas, Spaniens, Italiens, Mitteleuropas, des Balkan, Kleinasiens bis zum Iran vor, außerdem vom Hindukusch über die zentralasiatischen Gebirge bis nach Westchina. Im Süden brütet sie schon in tieferen Lagen. In Mitteleuropa lebt sie als Brutvogel (Nominatform P. g. graculus) in den Alpen meist oberhalb der Baumgrenze zwischen 1.800 und 2.800 Metern NN, in den Zentralalpen zum Teil höhersteigend, in den Nordalpen lokal schon unter 1.500 Metern NN. Als Wintergast taucht sie bei Nahrungsflügen in den Siedlungen der Täler auf.

Lebensraum

Die Alpendohle ist ein auf alpine Habitate beschränkter Hochgebirgsvogel, der in Felswänden an möglichst witterungsgeschützter Stelle brütet. Sie meidet die Nähe von Wäldern und nutzt im Sommer als Nahrungsgründe kurzrasige Alpweiden, alpine Rasen und Zwergstrauchheiden, im Winter das Nahrungsangebot menschlicher Siedlungen in den Tälern. In Tourismusgebieten ist sie häufig sehr zutraulich („Brotzeitkrähe“) und überwintert bei ganzjährigem (Wintersport-)Betrieb auch in den Gipfelbereichen.

Bestandsituation

Durch touristische Erschließung und Besiedlung sind lokale Bestandszunahmen in den Alpen wahrscheinlich. Die Öffnung oder Schließung von Abfalldeponien, Berggasthören, Bergbahnbetrieben usw. lösen vermutlich kleinräumige Bestandszu- und -abnahmen oder Umsiedlungen aus.

Langfristige Zählungen machen wahrscheinlich, dass großräumig in den Alpen jedoch keine Bestandsexplosion stattgefunden hat, auch wenn dieser Eindruck durch den engen Anschluss an den Menschen und die damit verbundene Auffälligkeit der Vögel vielerorts entsteht. Beispiele für Bestandsschätzungen: in der Schweiz etwa 20.000 bis 25.000 Individuen, davon etwa 2.500 bis 3.000, in den deutschen Alpen etwa 1.000 bis 3.000 Brutpaare. Der Vogel ist in den Alpen nicht bedroht. Angesichts des intensiven Abschusses wird von Rückgängen aus Nordspanien berichtet.

Wanderungen

Alpendohlen sind Stand- und Strichvögel. Selbst im Hochwinter schlafen sie im Schwarm in der Nähe ihrer Felsbrutplätze. Alte Brutvögel sind ganzjährig ihrem Brutort treu. Jungvögel streichen in Schwärmen im Herbst ihres ersten Lebensjahres (September bis November) bis etwa 80 Kilometer weit umher.

Nach dem ersten Schnee in den Hochlagen (ab Oktober/November) kommt es zu täglichem Pendeln in die Siedlungen der Täler (am Alpennordrand sogar ins Vorland hinein). Es werden hierbei Entfernungen von etwa fünf bis 20 Kilometern und Höhendifferenzen von etwa 500 bis fast 2.000 Metern überwunden. Die wendigen, vielseitigen Flugakrobaten nutzen bei diesen täglichen Wanderungen geschickt günstige Luftströmungen auf überlieferten Routen aus. Der morgendliche (Stoß-)flug ins Tal ist ungemein schnell (bis zu 200 Kilometern pro Stunde, aufwärts zum Schlafplatz geht es dagegen mit nur 20 Kilometern Geschwindigkeit; im Ruderflug erreichen sie aber immerhin 80 km/h).

Die Wintereinstände sind über viele Jahre, mancherorts vielleicht seit Jahrhunderten, tradiert. Seit der Ausdehnung des Tourismus in den Winter und in die Hochlagen hinein gibt es Alpendohlen, die das an Berggasthöfen, Seilbahnstationen und Hochlagendeponien anfallende Nahrungsangebot nutzen und ganzjährig auf den Gipfeln bleiben (Beispiel Zugspitze, Gletscherskigebiete Österreichs). Der enge Anschluss an den Menschen hat neuerdings dazu geführt, dass einige auch im Sommer in tieferen Lagen bleiben. Normalerweise werden mit Frühlingseinzug im April die Wintereinstände wieder verlassen.

Nahrung

Die natürliche Nahrung des vielseitigen Allesfressers besteht im Frühling/Sommer aus Wirbellosen, von Regenwürmern, Spinnen, Schnecken, Schnaken, Heuschrecken, Grillen, Ameisen, Käfern bis zu Raupen, kleinen Wirbeltieren wie Amphibien, Eidechsen und manchmal Vogeleiern und -küken von Boden- und Gebäudebrütern. Im Herbst kommen Obst und Beeren dazu. Im Winter werden Abfälle aller Art genutzt. Auch Sämereien, Knospen, Blätter nd Baumnadeln werden aufgenommen. Alpendohlen trinken (wie andere Rabenvögel) gerne und viel und fressen im Winter Schnee.

Zum Nahrungserwerb, der im Trupp stattfindet, sind sie meist am Boden, auf alpinen Rasen, Hochweiden, in Zwergstrauchheiden. Nahrungssuche im Schwarm hat den Vorteil, dass rasch und effizient ein gerade auftretendes Angebot genutzt werden kann. Es wird alles aufgepickt, was an einem bestimmten Hang gerade zu finden ist. Auch Stochern und Graben wird als Technik eingesetzt, wegen des kürzeren Schnabels aber mehr an der Oberfläche als bei der Alpenkrähe. Die wendigen Flieger fangen Insekten auch im Flug dicht über dem Boden. Früchte und Beeren werden ebenfalls im Schwarm auftretend gepickt, wobei sie sich in Obstgärten und Weinbergen damit unbeliebt machen.

Alpendohlen verstecken Nahrungsbrocken in Felsspalten (in der Nähe des Brutplatzes), zwischen Gebälk, unter Gras, und finden diese Vorräte, die sie wieder nutzen, sicher wieder. Sie fressen weniger Aas als Kolkraben.

Fortpflanzung

Geschlechtsreif sind die Alpendohlen im zweiten Lebensjahr, brüten aber wohl erst im Alter von drei Jahren zum ersten Mal. Das Männchen verteidigt ein Territorium mit einem Durchmesser von etwa 50 Metern um den Neststandort. Das ist normalerweise auch der geringste Nestabstand zwischen Nachbarn. Obwohl sie ausgesprochene Schwarmvögel sind, sind echte Brutkolonien selten. Manchmal finden sich bis zu zehn Brutpaare in einer besonders geeigneten Felswand und in großen Schachthöhlen können es bis 20 Paare werden.

Zur Bevölkerungsdichte ein Beispiel: In Graubünden nutzten 26 Paare ein Areal von 16 Quadratkilometern als „home range“; zusammen mit diesjährigen Jungvögeln und Nichtbrütern waren es im August maximal etwa 140 Vögel.

Die Balz und das Zusammenfinden neuer Paare finden in Gruppen innerhalb des Winterverbandes schon ab Februar statt. An der Gruppenbalz beteiligen sich ledige, mittel- bis hochrangige Vögel. Die Ehe der monogamen Alpendohle hält lebenslang. Partner kennen sich individuell an Aussehen und Verhalten. Das Männchen steigt durch Heirat im sozialen Rang innerhalb des Schwarmes auf und festigt durch Fütterung seines Weibchens und gegenseitiges Gefiederkraulen die Bindung. Ähnlich wie bei Kolkraben sieht man von ihnen eindrucksvolle, synchrone und parallele Paarflüge. Verheiratete Männchen suchen auch solange ihr Weibchen brütet im Trupp zusammen mit den anderen im „home range“ anwesenden Vögeln ihre Nahrung.

Der Nistplatz wird wahrscheinlich durch das Weibchen gewählt. Er liegt wettergeschützt, schwer erreichbar in Felsspalten, Grotten, Höhlen (bis zu 15 Meter Tiefe in völliger Dunkelheit) und auf Gesimsen. Angesichts meist hoher Luftfeuchte und Kälte am Brutplatz (im Hochgebirge auch zur Brutzeit meist nur um 0 Grad Celsius!) ist das aus Wurzeln und Reisern gebaute, 30 bis 60 Zentimeter breite, 10 Zentimeter hohe Nest mit einer nur etwa 12 Zentimeter weiten Mulde durch eine dicke Schicht aus Gräsern, Moos und Tierhaaren gut isolierend ausgepolstert.

Der Nestbau beginnt etwa ab 20. April, am Rohbau ist das Männchen beteiligt, das Weibchen übernimmt die Endgestaltung. Bei erfahrenen Alten ist diese Arbeit oft bereits nach drei, spätestens aber nach vier bis zehn Tagen abgeschlossen.

Die allerfrüheste Eiablage ist nach Mitte April, Hauptlegezeit ist von Mitte Mai bis Mitte Juni. Das Weibchen legt in Intervallen von ein bis zwei Tagen drei bis fünf Eier (selten zwei oder sechs) und beginnt ab dem ersten oder zweiten Ei fest zu brüten. Nun wird es von seinem Männchen versorgt. Auch nach dem asynchronen Schlupf der Jungen nach einer Brutdauer von 18 bis 19 Tagen wird die Familie weiter überwiegend vom Vater ernährt, denn die Jungen müssen in der Kälte des Felsens bis in die zweite Woche gehudert werden. Solange übergibt er das hochgewürgte Futter portionsweise an das Weibchen, das dann die Jungen „stopft“. Zu schwache Junge (das vierte und fünfte sind Nesthäkchen) werden oft hinausgeworfen. Nach der Huderphase beteiligt sich auch das Weibchen an der Futterbeschaffung.

Kälteeinbrüche und Regen beeinträchtigen den Bruterfolg oft stark. Trotzdem gibt es nach Verlust kein Nachgelege. Erst im Alter von 29 bis 34 Tagen, oft sogar nach mehr als 35 Tagen, verlassen die Jungen das Nest. Sie werden weitere drei (bis vier) Wochen geführt und versorgt, ja manchmal werden dann noch bettelnde Junge bis in den Winter hinein (im Schwarm nicht nur von den eigenen Eltern) gefüttert. Die Bruterfolge sind im Hochgebirgslebensraum angesichts der oft widrigen Witterungs- und Ernährungsverhältnisse und der daraus folgenden hohen Nestlingssterblichkeit meist niedrig und schwanken stark. Selten werden mehr als zwei Junge flügge, durchschnittlich sind es weniger als ein Junges pro Brutpaar. Die Alpendohle setzt daher ausgeprägt auf eine an der Kapazität ihres Lebensraumes im Hochgebirge angepasste „Lebenslaufstrategie“: Alpendohlen, die den ersten Herbst überleben, werden mit einer Lebenserwartung von durchschnittlich mehr als fünfzehn Jahren sehr alt (Höchstalter im Freiland über 20 Jahre).

Die späte Geschlechtsreife schützt vor zu frühem „Verschleiß“ unerfahrener Vögel. Die Etablierung zum Brutvogel „hat Zeit“, ist schwer und führt über den „sozialen Aufstieg“ im Nichtbrütertrupp. Der Anteil der Nichtbrüter (also der wartenden „Brutreserve“) in der Population ist mit bis zu über 80 Prozent sehr hoch. Winterschwärme enthalten abhängig vom Bruterfolg oft unter 20 Prozent Junge (auch zugewanderte sind dabei); der Anteil der Verheirateten unter den Mehrjährigen ist ebenfalls niedrig, meist unter 20 Prozent.

Verhalten

Das komplexe Sozialverhalten ist Ausdruck dieser Lebenslaufstrategie. Für die nur nistplatzterritorialen Vögel spielt das Schwarmleben eine entscheidende Rolle in der innerartlichen Auslese und im Überlebenskampf.

In den Trupps herrscht eine strenge Rangordnung. Die Ranghöchsten dürfen sich im Zentrum aufhalten. Um Kämpfe, die es selten, dann aber auch erbittert gibt, zu vermeiden, haben Alpendohlen ein großes Repertoire von Imponier-, Droh- und Demutsgesten zur Verfügung. Individuelles Lernen (Nachahmung des Artgenossen) und hohe Auffassungsgabe tragen noch zusätzlich dazu bei, Alpendohlenschwärme auch als Ganzes „handlungsfähig“ zu machen. So werden durch „Flügelwinken“ und spezielle Rufe Stimmungen übertragen: Der ganze Schwarm bricht auf zum nächsten Hang, kann sich – taucht eine Gefahr auf – binnen Sekunden aus lockerer Zerstreuung kompakt „zusammenziehen“, etwa einen Habicht in dichtem Pulk umkreisen, ihn „eskortieren“ und verwirren. Bodenfeinde werden mit schnarrenden Rufen im Pulk kreisend behasst. Menschen können anhand ihrer Bewegung individuell kennengelernt und in „Freund oder Feind“ unterschieden werden.

Geordnetes Schwarmverhalten erhöht damit die Überlebenschance jedes einzelnen Mitgliedes (Bergbauern aus dem Bschlabser Tal in Tirol schilderten dem Verfasser glaubhaft, wie eindrucksvoll ein Alpendohlenschwarm im Kollektiv tagelang lärmend in Aufruhr war, nachdem nur ein Vogel aus etwa 40 Individuen herausgeschossen worden war). Neben gezielter, effizienter Nahrungsnutzung und Herausfinden geeigneter Brutpaare ist diese Geborgenheit vor Bedrohung ein weiteres wichtiges Plus des Schwarmlebens.

Im Winterhalbjahr bilden Alpendohlen aus größeren Einzugsbereichen lockere Verbände, oft bis zu mehreren Hundert. So kommen „Tagesgemeinschaften“ in manchen Orten aus mehreren „home ranges“. Auch die zusammenschlafenden Gruppen mischen sich in dieser Zeit immer wieder neu.

 

Quelle: Epple Wolfgang (1997): Rabenvögel. Göttervögel – Galgenvögel – ein Plädoyer im “Rabenvogelstreit”. Karlsruhe: Braun.
Updated: 19/10/2015 — 0:53
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