RABENVÖGEL:

Intelligente Schönheiten - Mythos und Wahrheit

Elster

 

Die Elster ist eine unverwechselbare, sehr bekannte Vogelgestalt; auffallend schwarz-weiß mit sehr langem Schwanz, weißem Bauch und Seiten, weißen Schulterflecken, ansonsten schwarz mit bläulichem Metallschimmer auf den Schwingen und erzgrünlichem Glanz der Schwanzfedern. Der Flug ist unregelmäßig flatternd, wirkt langsam und unbeholfen.

Elster

Länge und Gewicht

Etwa 46 Zentimeter, davon entfällt annähernd die Hälfte auf den Schwanz. Das Männchen wiegt durchschnittlich 230, das Weibchen 200 Gramm.

Stimme

Am häufigsten und bekanntesten ist das „Schackern“ wie „schack-schack-schack“. Zu hören sind weiter kürzere, harte Rufe wie „tschjuk“, keckernde Lautreihen wie „chächächä“. Es gibt spezielle Rufe für das Nestlocken und die Aufforderung zum Mitfliegen, außerdem aggressive Rufe wie „kjä“. Nichtbrüterversammlungen werden mit vielseitigem Rufen begleitet. Vor der Eiablage wird dem Partner ein leiser Gesang vorgetragen, der rhythmisch plaudernd aus vielen arteigenen Lauten zusammengesetzt ist, manchmal weich und melodisch, der aber auch täuschend ähnliche Imitationen anderer Vogelarten enthält.

Der Ruf der Elster

 

Verbreitung

Elstern gibt es vom äußersten Nordwestafrika über ganz Europa hin bis in den hohen Norden und ostwärts bis nach Ostasien. Als Nominatform P. p. pica werden die Elstern Großbritanniens, Südskandinaviens, des nördlichen Mitteleuropas bis Polen und Teilen des Balkans bezeichnet. Im Rheinland, Belgien, Frankreich, der Schweiz, Italien, Dalmatien und Griechenland brütet die Unterart P. p. galliae. Die Elster fehlt auf einigen Mittelmeerinseln wie Korsika und Kreta. Von Nordost nach Südwest werden die Elstern in Europa etwas kleiner und haben mehr Schwarz im Gefieder. In Mitteleuropa meiden sie sehr große zusammenhängende Wälder, die Hochgebirge sowie viele Hochlagen der Mittelgebirge. Bei dichter Population brüten Elstern vereinzelt auch im Gebirge bis über 1.500 Meter NN.

Lebensraum

Alle Formen des offenen Kulturlandes mit Hecken, Gebüschen, Feldgehölzen, Alleen, uferbegleitenden Galeriewäldern werden von Elstern bewohnt. (Kurzrasiges) Grasland und Nestbaugelegenheit beeinflussen die Siedlungsverteilung.

Für die vor allem seit den 1950er Jahren zunehmende „Verstädterung“ gibt es die folgenden Gründe: starke Verfolgung in der freien Feldflur (Stadt- und Siedlungsbereich sind jagdberuhigt!), Abfall als Nahrungsgrundlage (auch im Winter), Ausräumung der Feldfluren (Flurbereinigungen alten Stils), Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzungsmethoden (Grünlandumbruch zu Ackerland, Tiefpflügen, Intensivgrünland mit Umbruch und Neueinsaat, Spritzmitteleinsatz), Verdrängung aus der Feldflur durch die überlegene Aaskrähe. Heute hat die Elster, die früher ein Charaktervogel ökologisch intakter Feldfluren war, Ortsränder, Stadtrandgebiete (Gartenvorstädte) mit ständig kurzgehaltenen Rasenflächen und vielseitigen Zusatznahrungsquellen (Abfallkörbe, Pausenhöfe, Kompost usw.) als ihren neuen Vorzugslebensraum teilweise dicht besetzt. Sie fehlt in Stadtzentren ohne Grünflächen genauso wie in baumlosen Agrarsteppen.

Für die Habitatqualität in der Feldflur entscheidend ist der Anteil an (extensiv genutztem) Dauergrünland. Ackerland ist dagegen inzwischen angesichts der modernen Bewirtschaftungsmethoden (Vernichtung der Insekten und anderer Kleinlebewesen) ein „Negativfaktor“ im Lebensraum der Elstern. Auffallend ist auch das Vorkommen in den Gehölzen entlang der Verkehrswege (Autobahnen, Bahndämme), wo Elstern die guten Brutmöglichkeiten mit den Gras- und Krautsäumen und das anfallende Aas nutzen. Die Anwesenheit von Habicht und Aaskrähe, zu denen Elstern möglichst Abstand halten, beeinflusst zusätzlich die Ansiedlung und Verteilung von Elstern. Sind Büsche und Bäume in offenen Landschaften spärlich, brüten Elstern ausnahmsweise auch in enger Nachbarschaft zur Aaskrähe im selben Gehölz, wie Untersuchungen des Verfassers in der Wesermarsch zeigen.

Bestandssituation

Durch intensive Verfolgung gab es in vielen Teilen Mitteleuropas (und Großbritanniens) um die Jahrhundertwende ein Bestandstief, so dass zwischen 1900 und 1920 in Deutschland regional sogar mit dem Aussterben der Elster gerechnet wurde und sie mancherorts sogar durch Jagdberechtigte „geschützt“ wurde. In Mitteleuropa sind stark abhängig von der jeweiligen Verfolgungssituation etwa seit 1920 Bestandszunahmen zu verzeichnen, nach dem Zweiten Weltkrieg durch starke Verfolgung und die Intensivierung der Landwirtschaft aber wieder (lokale) Rückgänge bei gleichzeitig einsetzender Verstädterung. Bestandszunahmen sind in Mitteleuropa in den letzten Jahren auf Siedlungsbereiche konzentriert. In der Südschweiz ist die Elster nach ihrer Ausrottung seit 1915 nicht wiedergekehrt. Bestandsschätzungen an Beispielen: Dänemark 110.000, Niederlande 60.000 bis 120.000, Deutschland 210.000 bis 280.000 Brutpaare.

Wanderungen

Elstern sind extrem standorttreu, sie streifen nur im Herbst nach der Jugend- und der Jahresmauser umher. Auch die Abwanderung der Jungen nach dem Selbständig Werden ist minimal. Entfernungen von mehr als 25 Kilometern sind in Mitteleuropa die Ausnahme. Junge können sich in kaum einem Kilometer Entfernung vom Elternnest ansiedeln. Extreme Wintereinbrüche führen manchmal zu Kälte- und Schneefallflucht (ganz ausnahmsweise über 100 Kilometer).

Nahrung

Elstern sind vielseitige Allesfresser, deren Nahrung von Jahr zu Jahr, von Revier zu Revier, je nach Angebot wechseln. An Tieren erbeuten sie Insekten, aber auch kleine Wirbeltiere wie Kleinsäuger, Reptilien, Amphibien und Kleinvögel, sowie deren Junge und Eier. Der von Laien allseits überschätzte Singvogelanteil an der Nahrung beträgt jedoch höchstens etwa 17 % des Nahrungsvolumens insgesamt. Einzelne Elstern können sich spezialisieren, etwa auf Frösche oder Haushuhnküken. In Agrarlandschaften werden viele Vegetabilien aufgenommen, vor allem im Herbst und Winter: Getreide und Mais, Früchte (Kirschen im Frühjahr), Beeren, Sämereien. Im Siedlungsbereich kommen Küchenabfälle von Komposthaufen wie Teigwaren, Käse, Brot dazu. Sie können bei Stadtelstern fast die Hälfte des Gewichts der Nahrung ausmachen.

Ähnlich wie die Dohle ist die Elster zur Jagd und Nahrungssuche überwiegend am Boden hüpfend, schreitend und flatternd anzutreffen. Im beweideten oder kurzgemähten Grünland nutzt sie vor allem das Angebot an mittelgroßen Wirbellosen. Dabei ist Auflesen die häufigste Jagdtechnik. Sie stochert auch, schreitet im Zick-Zack ein Stück Wiese ab, hüpft an Grasbüscheln oder an Ähren hoch, flattert oder rüttelt kurz beim Insektenfang oder vor einem Gebüsch mit einem Amselnest, bevor sie zustößt. Straßenböschungen und Bahndämme sucht sie systematisch nach zerfleddertem Aas ab. Auch auf frischen Mähflächen nutzt sie das durch die modernen Mähwerke angerichtete Gemetzel unter den Kleintieren. In Heckenlandschaften plündert sie regelmäßig die Beutedepots der Neuntöter: Manche Elstern fischen im Vorbeifliegen mit den Fängen, andere fressen in Hundezwingern, auf Hühnerhöfen und in Gehegen zoologischer Gärten mit.

Hohe Auffassungsgabe und blitzschnelles Erfassen der Situation ermöglichen der eigentlich nicht sehr wendigen Elster die erfolgreiche Jagd auf Kleinsäuger oder Kleinvögel. Sehr oft suchen sie auch im Fell von Weidetieren nach Insekten. Schafe lassen sich sogar von ihnen behutsam die Augenwinkel nach Nahrung absuchen und „halten den Kopf dafür hin“. Am Aas werden den toten Tieren zuerst die Augen ausgehackt, was immer wieder zu der falschen Einschätzung führt, die Elstern hätten die Tiere durch Blenden getötet. Elstern verstecken gezielt Nahrungsbrocken, die sie später auch wieder auffinden.

Fortpflanzung

Elstern werden im ersten Jahr geschlechtsreif, gebrütet wird im zweiten, meist aber erst im dritten Lebensjahr. Die Paarbildung findet im Nichtbrütertrupp statt, viele Jungvögel sind schon im Oktober des ersten Jahres verpaart. Das ganzjährige „Allzweckrevier“, das Nahrungs- und Brutrevier in einem ist, hat eine durchschnittliche Größe von vier bis sechs Hektar. Die Nestabstände von Nachbarn betragen etwa 75 – 300 Meter, verteidigt wird vor allem der Nestbereich.

Die Bevölkerungsdichte ist abhängig von der Lebensraumqualität, dem Brutplatzangebot und der Verfolgungssituation: Ausgeräumte Agrarsteppen beherbergen weniger als 0,2, reichhaltige Feldfluren bis 2, baumreiche Dörfer bis 15, Gartenvorstädte und stadtnahe Autobahnkreuze bis zu 30 Brutpaare pro Quadratkilometer.

Die Ehe der monogamen Elstern hält lebenslang. Männchen und Weibchen wählen den Nistplatz gemeinsam. Meist ab Anfang/Mitte Februar beginnt der Nestbau. Das Nest wird oft in der obersten Krone höherer Laubbäume schwer zugänglich errichtet. Je nach Landschaftsausstattung und Beschießungspraxis der Jäger aber ist der Neststand sehr vielseitig. In dichten Dornenhecken werden oft nur in Brusthöhe (sehr unauffällig) die Nestkobel errichtet, vor allem, wenn freie Baumnester beschossen werden. In den Dörfern und Städten sind die Nester fast immer sehr hoch angelegt (Schutz vor Störung).

Das Nest ist typischerweise ein „Korb“ mit seitlichem Einschlupf und nach oben mit einem „Dach“ abgedeckt. Der Durchmesser beträgt etwa einen halben Meter, jahrelang benutzte werden mitunter zu riesigen, bis zu 1,3 Meter hohen Horsten. Neueste Untersuchungen zeigen: Erfahrene Altelstern brüten mehr geschützt in den Siedlungen und bauen Dächer auf die Nester, Jungelstern sind mehr gezwungen, in die unsicheren Feldflur zu ziehen und bekommen (häufig von Aaskrähen belästigt) oft das Dach nicht zu. Der frühe Nestbau im Februar ist sinnvoll, obwohl erst im April Eier abgelegt werden: Das ist der Test, ob das während der Zeit vorher bewachte Nest auch sicher ist. Bei Störung wird ein neues gebaut (daher finden sich oft mehrere Nester gleichzeitig im Revier), viele werden auch nur angefangen. Werden nun nur die Nester gezählt, wird deshalb der Elsternbestand bis um das Fünffache überschätzt, da in Hecken meist nur jedes fünfte Nest aktuell bebrütet ist.

Die Eiablage beginnt manchmal schon Ende März, Hauptlegezeit ist jedoch die zweite und dritte Aprilwoche. Stadtelstern beginnen etwa fünf Tage früher als Elstern im benachbarten freien Feld. Bei Gelegeverlust können noch bis in den Frühsommer Ersatzgelege gezeitigt werden. In Abhängigkeit von der Nahrung schwankt die Gelegegröße von Jahr zu Jahr. Meist sind es vier bis sieben, selten bis zu zehn blassbläuliche oder grünliche Eier mit braunen oder grauen Sprenkeln, die das Weibchen in meist eintägigem Intervall legt und alleine bebrütet. Wenige Tage vor Eiablage beginnt das Männchen, sein bettelndes Weibchen zu füttern.

18 bis 19 Tage nach Ablage des letzten Eies schlüpfen die Jungen, entsprechend des Beginns der festen Bebrütung nach dem dritten Ei, die letzten asynchron innerhalb von etwa zwei bis drei Tagen. Sie sind in der ersten Woche sehr huderbedürftig. Bei Nahrungsknappheit kommen die Nesthäkchen um, die Brut wird auf das bewältigbare Maß reduziert. Die sperrenden Jungen werden portionsweise aus dem Schlund der Eltern gefüttert, in dem bis zu 60 mittelgroße Insekten Platz haben. Mit zwölf Tagen müssen die Jungen nicht mehr gehudert werden, mit 18/19 Tagen sitzen sie, nicht voll flugfähig als Ästlinge außerhalb des Nestes, sind mit 22 bis 27 Tagen flügge und werden anschließend weitere acht Wochen – also vergleichsweise sehr lange – geführt und versorgt.

Etwa die Hälfte der Bruten sind erfolglos. Auf die Hälfte dieser missglückten Versuche folgt ein Ersatzgelege. Pro Erfolgsbrut werden meist zwei bis vier Junge flügge. Die Aaskrähe (als Nestplünderer und Konkurrent) und der Habicht (als Erbeuter) sind die maßgeblichen Gegenspieler der Elster: Eier-, Nestlings- und Jungvogelverluste gehen besonders auch auf Marder, Katzen oder Füchse zurück. Die jährliche Sterblichkeit der Jungen im ersten Jahr ist (regional unterschiedlich) etwa 40 bis 70 Prozent, die der Adulten etwa 25 bis 35 Prozent, wobei die der Weibchen (bedingt durch die Gefährdung während der Brut) fast doppelt so hoch ist wie die der Männchen. Elstern können 15 Jahre alt werden.

Verhalten

Das Sozialverhalten der Elster ist gekennzeichnet durch Territorialität der Brutpaare und sozialen Zusammenschluss der Nichtbrüter im Dienste innerartlicher Auslese und Verbesserung der Konkurrenzsituation. Sie haben gemeinsame Schlafplätze, an denen in der Brutzeit meist zehn bis 20 Nichtbrüter, außerhalb der Brutzeit auch die verpaarten schlafen. Dann können von Oktober bis Februar bis zu 150 Elstern (in manchen Städten hunderte von Individuen) aus einem größeren Einzugsbereich gemeinsam nächtigen.

Die Paare sind aber ganzjährig territorial, nur im Hochwinter klingt die Revierverteidigung etwas ab. Eingehende Untersuchungen haben gezeigt, dass der geschilderte Bruterfolg besonders mit der „Fitness“ der Partner zusammenhängt: Nur etwa die Hälfte der Geschlechtsreifen zeugen selbst je Nachwuchs, d. h. nur die „Leistungsträger“ der Elsternbevölkerung beteiligen sich mit ihrem Bruterfolg an der Erhaltung der Population. Optimale Reviere sind am meisten umkämpft, so dass hier „automatisch“ nur die fittesten Paare durchhalten.

Jungelstern haben verschiedene Möglichkeiten, sich in der Gesellschaft der Brutvögel zu etablieren: Sie ersetzen einen verlorenen Partner. Zeremonielle Versammlungen (der Nichtbrüter) dienen dazu, verwitwete Brutvögel wieder zu verpaaren, denn das Fehlen eines Partners wird rasch bemerkt. Weitere Möglichkeit: sie zwängen sich – am besten nach der Eiablage der Revierhalten und schon selbst verpaart – zwischen die bestehenden Reviere der in dieser Zeit etwas nachlässigeren Brutpaare. Oder sie „organisieren“ als ranghohe Mitglieder des Nichtbrüterverbands zusammen mit den Kumpanen überfallsartige Belästigungen der Revierinhaber, bis diese schließlich die Entstehung eines neuen Reviers in der Nachbarschaft dulden, das dann von den Ranghohen des Nichtbrütertrupps besetzt wird.

Ähnlich wie bei der Rabenkrähe hat die Teilung der Elsternbevölkerung in Revierinhaber und Habenichtse zur Folge, dass die Jungvögel in den ersten zwei Lebensjahren durch feine innerartliche Auslesemechanismen auf ihre soziale Dominanz und Fähigkeit getestet werden. Diese Brutreserve macht meist 25 bis fast 60 Prozent der Elsternbevölkerung aus. Es finden sich überwiegend Vögel in den ersten beiden Lebensjahren, ganz selten einmal eine ältere Elster in den Trupps. Neben dem „Heiratsmarkt“ sind weitere Vorteile der Truppenbildung an der Elster durch Feldstudien wahrscheinlich gemacht worden: Im Schwarm wird Nahrung sicherer, effizienter genutzt (höhere Pickfrequenzen). Und: Elstern behaupten sich im Trupp besser gegen die um gute Nahrungsgründe konkurrierende Aaskrähen. Nichtbrütertrupps und Schlafgemeinschaften sind demnach kein Zeichen für „Übervermehrung“, sondern gehören zur wohl ausgefeilten natürlichen Ausstattung des Sozialverhaltens der Elster.

Quelle: Epple Wolfgang (1997): Rabenvögel. Göttervögel – Galgenvögel – ein Plädoyer im “Rabenvogelstreit”. Karlsruhe: Braun.
Updated: 18/10/2015 — 17:20
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